Die volle Dosis KI

Chancen, Risiken und Nebenwirkungen

17. Juni 2019 | 19 Uhr | ATELIERFRANKFURT, Schwedlerstr. 1-5, 60314 Frankfurt am Main
Zu Gast: Peter Dyllick-Brenzinger (Head of Content Intelligence, SPRING), Astrid Maier (Chefreporterin & Produktentwicklerin, ADA), Ellen Schuster (Head Digital Programming, DW), Prof. Martin Steinebach (Head of Media Security & IT Forensics, Fraunhofer SIT)
Moderation: Jan Eggers (Redakteur und Manager des hessenschau.de-Datenteams)

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Lernende Maschinen – schon morgen in den Redaktionen


Der Sprecher der Fernsehnachrichten wird in absehbarer Zeit sicher nicht durch einen Roboter ersetzt werden. Das wurde gleich zu Beginn der Netzwerkveranstaltung zum Thema künstliche Intelligenz deutlich. Moderator Jan Eggers vom Hessischen Rundfunk hatte zur Einstimmung zwei Videos der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua vorgeführt, die einen als Menschen gestalteten Roboter zeigten, der die Nachrichten verliest. Die erste Variante mutete etwas hölzern und unmenschlich an. Die überarbeitete Version kam mit verschiedenen Gesten dem menschlichen Verhalten deutlich näher. Doch der Abend zeigte eine Reihe von Anwendungen lernender Maschinen, die schon jetzt oder in absehbarer Zeit in den Redaktionen eingesetzt werden. Das Neue dabei ist, dass die Maschinen nicht – wie bisher – sehr mühsam nach einem Regelwerk programmiert werden, sondern aus Vorbildern lernen, also ihre Vorhersagen daraus treffen. Ellen Schuster von der Deutschen Welle berichtete von der Arbeit an Transcription Tools, die Audios und Videos unmittelbar in geschriebenen Text umsetzen oder auch automatisch Untertitel in verschiedenen Sprachen generieren. Allerdings sei die Kontrolle durch Redakteure bis jetzt unverzichtbar, da auch den lernenden Programmen Fehler unterliefen, die insbesondere auch bei den Auslandsprogrammen der Deutschen Welle empfindliche Auswirkungen haben könnten.

Astrid Maier, Chefreporterin und Produktentwicklerin in der Handelsblatt Media Group, erläuterte wie in ihrem Hause die Stimme von Miriam Meckel, der ehemaligen Chefredakteurin der Wirtschaftswoche und Gründungsverlegerin von Ada, durch lernende Maschinen imitiert werde. Dies solle ermöglichen, dass erhebliche Mengen von Textmaterial automatisch in Audios umgesetzt werden könnten und der Nutzer Nachrichten mit einer ihm vertrauten – scheinbar menschlichen – Stimme hören könne. Allerdings sei die Entwicklungsgruppe, die mit der Universität St. Gallen zusammen arbeite, auch mit den ethischen Fragen dieser Technik und des möglichen Missbrauchs befasst. So werde in diese Programme eine Art Wasserzeichen eingebaut, um unerwünschte Nutzung durch Dritte zu verhindern. Martin Steinebach vom Fraunhofer Institut in Darmstadt gab einen Einblick in die Entwicklung von Programmen, die die Manipulation von Videos, insbesondere das Einbauen von Personen und Gesichtern in einen falschen Kontext – sogenannte deep fakes - , enttarnen könnten. Das Projekt werde in Kooperation mit Redaktionen bearbeitet und natürlich werde es nach seiner Produktreife als erstes den Journalisten zur Verfügung gestellt. Publizistische Endprodukte für den Druck und das Netz mit lernenden Maschinen herzustellen, hält Peter Dyllick-Brenzinger von Axel Springer Digital News Media für eine Option in der nahen Zukunft. Gemeint ist das Generieren von Überschriften, der Umbruch, das Einbinden von Bildern und Videos. Als wichtige Aufgabe der lernenden Maschinen sieht er ebenso an, große Mengen von Daten so aufzuarbeiten, dass sie für Journalisten handhabbar werden.

An dem Abend wurde aber nicht nur Zukunftsoptimismus verbreitet, sondern es wurden auch die Gefahren und Grenzen dieser Technik deutlich. Denn die Maschinen lernen so, wie wir denken. Wenn also bei einem Gesichtserkennungsprogramm der Typus „alte afroamerikanische Frau“ nicht eingegeben wird, kann die Maschine diese auch nicht erkennen. Und es bleibt eine ethische Aufgabe, immer nachvollziehen zu können, warum eine Maschine welche Entscheidung getroffen hat. Das inhaltlich schwergewichtige Podium gab auf dieser Netzwerkveranstaltung spannende Einblicke in die Anwendungsmöglichkeiten neuer Techniken in naher Zukunft, mit denen sich der Journalismus schon heute auseinandersetzen muss.

 

 

Text mü
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