Schöne neue Welt

Journalismus und Marketing in der virtuellen Realität

12. September 2016 | Uhr | Latin Palace Changó
Gast: Klaus Wache, Regisseur, Dr. Torsten Wingenter, Leiter Digital Innovations bei der Deutschen Lufthansa AG, Dr. Alexander Markowetz
Moderation: Eberhard Nembach, Hessischer Rundfunk

Virtual Reality – Future-Shock-Falle oder neue Erlebniswelten


Ein heißer Spätsommertag, ein prickelndes Thema und eine Location, in der normalerweise temperamentvolle Beats den Gästen Rhythmus in die Beine treibt – ein spannender Mix für eine gelungene FPC Netzwerkveranstaltung. Der Frankfurter PresseClub hatte unter dem Titel „Schöne neue Welt“ ins Latin Palace Changó geladen, um mit Podiumsgästen und dem Publikum über Journalismus und Marketing in der virtuellen Realität zu diskutieren. Auf der Tribüne saßen Filmemacher Klaus Wache, Dr. Torsten Wingenter, Leiter Digital Innovations bei der Deutschen Lufthansa AG, und Dr. Alexander Markowetz, Informatiker und Autor des Buches „Digitaler Burnout“. Die Moderation hatte Eberhard Nembach vom Hessischen Rundfunk übernommen.

Klaus Wache, der für den spontanen Dreh immer eine 360-Grad-Kamera im Gepäck hat, bot mit seiner Dokumentation über Tschernobyl für die ARD-Sendung Quarks & Co einen Einblick in den 360-Grad-Videofilm. Er berichtete von seinen Anfängen mit der Technik: „Beim 360-Grad-Video funktioniert das Drehen nicht so, wie beim traditionellen Film. Szenen müssen vollkommen anders gestaltet werden, denn der Zuschauer kann seine eigene Perspektive wählen.“

„Try before you buy“

Durch Plattformen wie Youtube ist mittlerweile der Zugang zu 360-Grad-Filmen einfach. „Früher musste man zum Anschauen spezielle Plugins installieren“, so Wache. Spezielles Equipment ist allerdings für Virtual Reality (VR) notwendig. Dr. Torsten Wingenter hatte zum Test einige Samsung Gear VR-Brillen mitgebracht, mit denen die Besucher VR erleben konnten. „Try before you buy“, lautet die Einladung der Lufthansa, mit der sie beispielsweise ihren Kunden einen Vorgeschmack auf den Komfort in ihren Flugzeugen gibt. Mit der VR-Brille auf der Nase findet man sich direkt an Bord eines Fliegers wieder, ist Teil des Geschehens. Die Stewardess begrüßt einen freundlich und mithilfe eines VR-Controllers kann man sogar Salz auf sein Essen streuen, das während des Fluges gereicht wird. Der Betrachter ist damit nicht länger passiv, sondern greift mit einem Avatar aktiv in die Handlung ein. „Wir wollen mit VR das Reisen als Erlebnis transportieren“, schilderte Wingenter. „VR spricht die menschliche Sensorik stark an. Die Menschen gehen körperlich mit.“ Der emotionale Aspekt von VR eröffne neue Erlebniswelten. „Wir möchten die Menschen inspirieren.“

Markt für die Porno-Industrie

Deutlich kritischere Worte fand Dr. Alexander Markowetz, der einen Gesamtblick auf digitale Welt warf. Die Digitalisierung greife in essentielle Aspekte der Gesellschaft ein. Schon Smartphones hätten bereits gezeigt, dass sie einen negativen Einfluss auf die Menschen haben. „Jeder lebt in seiner digitalen Filterbubble, bekommt eine eingeschränkte Weltsicht serviert.“ Gesellschaft und Kulturtechnik könnten nicht mit den technischen Möglichkeiten Schritt halten. Es gebe einen regelrechten Future Shock. Zu einem potenziellen VR-Markt sagte Markowetz: „Möglich ist, dass außerhalb der Game-Szene die Porno-Industrie einen Markt eröffnet.“ Nembach, der bei einer Journalistenreise ins Silicon Valley Einblick in den US-amerikanischen VR-Markt erhalten hatte, bestätigte: „Vor allem die Porno-Industrie ist den USA ein Pionier für VR-Angebote.“

Doch wie lassen sich nun VR oder 360-Grad-Videos journalistisch nutzen? Eine Möglichkeit ist die Recherche. So könne sich beispielsweise ein Journalist ein realistisches Bild vom Krieg in Syrien machen, ohne dafür vor Ort sein zu müssen, so Nembach. Er habe außerdem in San Francisco junge Journalisten kennengelernt, die in einer Art Realitätsnetzwerk ihre Beiträge austauschen. Journalisten und Marketeer sind selbst gefordert, mit den technischen Möglichkeiten zu spielen. Da mit relativ erschwinglichem Equipment aber die Technologie zunehmend demokratisiert wird, gehören 360-Grad-Videos aber bald ganz sicher zum Standard in der digitalen Welt.


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